Band 9 – Notizen am Rande (Teil 2)

I N H A L T

1   Notizen am Rande (Teil 2: 1989-2002) (88 Seiten)
A   Biografisches
B   Schriftenverzeichnis
 


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Notizen am Rande
 

Textauszug 1

Ich kann Geschichten weder erzählen noch erfinden, vielleicht, weil es schon so viele Geschichten auf der Welt gibt. Wenn ich einen Buchladen betrete, habe ich manchmal den Eindruck, daß eigentlich zu viele Bücher produziert werden – schlimmer noch: manchmal hege ich die Vermutung, daß zu viel und zu schlecht geschrieben wird.

Aber es gibt eine Ausnahme: die Gute-Nacht-Geschichten für Johanna. Wenn ich abends an ihrem Bettchen sitze, kann ich die tollsten Geschichten gleichzeitig erfinden und erzählen. Sobald ich mich an den Schreibtisch setze und das Erzählte festhalten will, gerate ich ins Stocken und muß meinen Versuch schließlich erfolglos beenden.

Ja, es ist wirklich wahr, daß ich nicht einmal einen Witz erzählen kann und mir deshalb auch nicht vorstellen kann, jemals einen Roman zu schreiben, denn dafür muß man ein begabter Handlungserfinder und Geschichtenerzähler sein. Abgesehen davon kommt es mir so vor, als sei die Zeit des Romane-Schreibens vorbei…

 

Textauszug 2

Wie können wir unseren Standpunkt der Betrachtung verändern? Was muß geschehen, damit wir etwas mit anderen Augen ansehen?

Die materielle Reduktion geht bei mir einher mit der künstlerischen Reduktion, andersherum gesagt: die Überflußgesellschaft meint nicht nur den materiellen, sondern auch den kulturellen Überfluß.

Literatur als Lebensdokument und Spiegel der Wirklichkeit kann ein Wort, eine Wortschöpfung sein, ein Satz, eine Mitteilung auf einem losen Zettel, ein kurzer Brief, eine Inschrift, eine schriftliche Lebensäußerung wie etwa der Brief eines Inhaftierten, Kindersprache, Tagebuch, Bekenntnis, Memorandum, ein Schulaufsatz, ein Wandspruch – der Beuyssche erweiterte Kunstbegriff meint eben auch die Literatur…

 

Textauszug 3

Das Wetter ist recht herbstlich und ungemütlich, der Himmel zeigt sich in verschiedensten Grautönen, es geht ein aufdringlicher Wind bei leichter Kühle – ein Wetter für Erinnerungen…

Jo auf ihrem kleinen Fahrrad: Wenn ihr nicht aus dem Weg geht, dann „fahrade“ ich euch alle um!

Ich mache mir viele Gedanken um den rechten Umgang mit den Kindern, lese viel über Spielen und Bewegen und sammle Ideen für gemeinsame Beschäftigung draußen und besonders in der Natur.

 

Textauszug 4

Gestern habe ich Johanna von Sybilles Tod erzählt. „Das ist gut, dann muß ich mir nicht wieder diese komische Stimme anhören“, sagt sie und scheint an der Sache nicht sonderlich interessiert. Am Abend aber ging es los: Was denn da genau passiert sei, warum sie gestorben ist, was bei der Beerdigungsfeier alles gemacht wird. „Katharina hat gesagt, wenn man gestorben ist, kommt man zum Vater in den Himmel“.
Ich habe ihr von Jesus erzählt, daß einige Menschen an die Geschichten vom himmlischen Vater glauben, obwohl den noch niemand gesehen hat, daß das ein Geheimnis ist, welches die Menschen nie enträtseln werden, daß es noch viel mehr Geheimnisse gibt, zum Beispiel in der Natur, daß wir uns aber Mühe geben sollten und die Jesusgeschichten anhören und darüber nachdenken sollten.
„Ich mag solche Geschichten und weiß schon, warum das Gras wächst und daß der Vater im Himmel wohnt“, war ihre Antwort.
Von der Trauerfeier mußte ich ihr erzählen, von Kirche, Musik und Liedern, der schwarzen Kleidung, daß es nicht so fröhlich zugeht wie auf einem Kindergeburtstag, daß der Körper des Gestorbenen ja nicht einfach so herumliegen darf, sondern einen besonderen Platz auf dem Friedhof bekommt, unter der Erde, geschützt in einem schönen Holzkasten, daß es einen Grabstein gibt, Blumen und Kaffee und Kuchen.
„Ich will auch zu dem Fest und die Musik hören, ich singe auch immer ’nanana‘ mit, wenn ich die Lieder nicht kenne; Kuchen will ich auch essen“. Ich versprach, sie mitzunehmen, wenn es soweit wäre.

Heute früh gehen meine Gedanken zurück zu diesem Gespräch. Ich möchte keine unnötigen Ängste provozieren und will ihr sagen, daß der Körper des Toten, in dem das Herz nun nicht mehr schlagen kann, wirklich weggelegt werden muß, daß aber das Lachen, die Stimme, die Lebendigkeit und Fröhlichkeit die Gedanken und alles andere Wichtige an einem Menschen nicht weggelegt werden, sondern in unseren Herzen bleibt.
Ich bin nach Essen zur edition V gefahren, denn eine wichtige Zusammenkunft soll über die Zukunft des Komponistenverbandes entscheiden. Die Besprechungen ziehen sich hin, ich fühle mich hier überhaupt nicht wohl, das Wetter ist miserabel. Ich verlasse das Treffen vorzeitig.
Ich sitze in einem Cafe am Hauptbahnhof und warte auf die Rückfahrt: Kleine Frau vor der Tür, nervös hin- und hergehend, Walkman, schwarze Wollmütze, Stiefel, rosa Umhängetasche, blonde Haare, Pony, rot-schwarzer Schal, unruhig, verzieht manchmal das Gesicht, plötzlich ist sie drin, schräg rechts von mir an einen Tisch, Kaffee, Gesicht und Hände mager, durchaus sympathisch, dunkle Augen, leicht geschminkt, beobachtet mich und fühlt sich offenbar von mir beobachtet, schaut auf mein Notizbuch, zwei Krankenwagen mit Blaulicht und Sirene rasen vorbei, sie springt auf, läuft zur Tür und ruft etwas Unverständliches in die Nacht hinaus, schaut sich unsicher um und mich argwöhnisch an, ich rechne mit allem.
Sie setzt sich wieder hin, murmelt irgendetwas mit einer knödeligen Stimme, völlig zusammenhanglos, lächelt wieder vor sich hin, zieht wild und fuchtelig an ihrer Zigarette herum, presst den Rauch spöttisch zwischen den Lippen hervor.
Wie warst du wohl als Baby, wer hat dich geboren, wo ist jetzt deine Mutter, hast du einen Freund, wartest du auf jemanden, was geht eigentlich in dir vor, Alkohol, Rauschgift, psychisch krank?

 

Textauszug 5

Von sich absehen, andere sehen, auf andere schauen, für andere leben – dies kann Selbstverwirklichung sein. Manchmal denke ich, daß das Sich-selbst-wichtig-nehmen die eigentliche Selbstverwirklichung ausbremst.

Jetzt steht alles still, nichts geht mehr, ich bin mit meiner Energie am Ende, bin wieder einmal auf „die Wand“ gestoßen und warte einfach ab. Irgenwie wird es weitergehen.

 

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