Band 6 – Passacaglia Lindenstraße

I N H A L T

1   Passacaglia Lindenstraße – Straße einer Kindheit (27 Seiten)
2   Notizen aus der Familiengeschichte (5 Seiten)
A   Biografisches
B   Schriftenverzeichnis
 


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Passacaglia Lindenstraße – Straße einer Kindheit

Textauszug

Peter weiß viel mehr als ich. Staunend höre ich zu, wie er von Fenners altem Lloyd erzählt, den seine Brüder wieder flottgemacht hatten, der es aber nur die dreissig Meter bis zur Ausfahrt aus dem Hof schaffte, bevor der Motor endgültig versagte. Peter meint, ich sei auch dabei gewesen, aber ich kann mich daran nicht erinnern.

Peter erzählt weiter von der Geschichte mit der Zigarettenschachtel, einer Fünferpackung Juno, die wir, gerade mal acht Jahre alt, dem fahrenden Kaufmann Bruno Gatzke aus dem Proviantkasten geklaut, dann heimlich geraucht und die restlichen Zigaretten weggeworfen haben – und wieder habe ich Mühe, meinem Gedächtnis auf die Spur zu kommen.

Aber an die Weihnachtssüßigkeiten kann ich mich genau erinnern, die in seinem Laden vor dem Verkaufsthresen verführerisch in kleinen Körbchen lagen. Brunos Frau schickten wir unter dem Vorwand, wir bräuchten dringend einen kleinen Karton, in den hinteren Teil des Lädchens und steckten uns dann schnell einen Schokoladenweihnachtsmann in die Tasche.

Daß wir uns bei den Grubes gelegentlich ein paar Groschen mit Kohlenschippen verdient haben, daß die alte Frau Markin einen Marienverehrungswahn hatte, daß wir beim Abwiegen des Altpapiers den Kontoristen von Heine&Co beschummelt haben, um ein paar Groschen mehr herauszuschlagen – ich komme aus dem Staunen nicht mehr heraus, was sich da alles in unserem gemeinsamen Kinderleben, vor allem in den Jahren 1960 bis 1964, abgespielt hat, woran ich keine oder nur eine sehr dunkle Erinnerung habe.

„Kannst du dich an den stotternden Zeitungsverkäufer erinnern, der durch die Straße ging oder auch an die Türen kam?“ fragt Peter und ahmt ihn auch schon nach: “Ha…ha…ha…ham Se schon die Bildzeitung?“ Ja, jetzt ist das Bild wieder da…“Und der Lumpensammler…?“ setzt Peter gleich hinzu, und ich falle ihm ins Wort und imitiere den eigenartigen Singsang des alten Mannes, der mit einem schrottreifen Handwagen durch die Lindenstraße zog, eine Glocke schwang und mit hoher Stimme sein „Lumpen, Alteisen und Papier“ gleichzeitig rief und sang.

Während Peter vergnügt immer weiter im Bilderbuch unserer Kindheit blättert, kommt in mir etwas in Bewegung, das ich noch nicht sehen, aber schon spüren kann – eine leise Ahnung, mit welcher Fülle des Erlebens wir in der Lindenstraße aufgewachsen sind.

So drängt sich die Vermutung auf, daß besonders die Jahre der kindlichen Reife zwischen dem sechsten und dem zehnten Lebensjahr viel reicher und bunter gewesen sind und viel mehr fördernde Außeneindrücke beinhaltet haben, als mir bisher bewusst war. Gegenüber dem Heranwachsen in einer Familie, die durch äußere Armut, ständige Geldnot, massive Streitigkeiten zwischen den Eltern und sich immer mehr zuspitzenden Alkoholproblemen des Vaters äußerst belastet war, scheint die Freiheit des kindlichen Spielens und die Erfahrung von Welt und Wirklichkeit der Straße – mithin des Sammelpunktes der gesellschaftlichen Einflüsse – ein ausgleichendes und Orientierung schaffendes Gegengewicht dargestellt zu haben.

Alle sonstigen Anstöße, alle Impulse und aktiven Anregungen zu meiner eigenen Weiterentwicklung sind auf der einen Seite vom Spielen und Leben auf und mit der Straße und ihren Menschen und Dingen ausgegangen; auf der anderen Seite haben sie ihren Ursprung darin, daß ich unbewußt vor der unausweichlichen Aufgabe stand, die randsoziale familiäre Situation meines Zuhauses zu bewältigen und mit der Welt draußen und damit meiner eigenen Zukunft in eine perspektivische Balance zu bringen, tragfähige Visionen und gangbare Wege für mein eigenes Leben zu entwickeln.

In dieser Spannung zwischen der Prägung durch das Zuhause einerseits, also den Anforderungen von innen, und den Erfahrungen von Welt andererseits, also den Anforderungen von außen, vermute ich von heute aus betrachtet die Antriebsenergie für meine Suche nach Sinnhaftigkeit des Lebens in einer geschichtlichen Epoche, die mir schon als Kind das Lieblose und Zerstörerische im Menschen, aber auch seine Fähigkeit zur Fürsorge und zur Beschäftigung mit den Schönheiten der Welt erlebbar gemacht haben.

 

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